Kopfnoten abschaffen!
Auch auf dem 2009er Zeugnis der Schülerinnen und Schüler in NRW stehen wieder Kopfnoten; diesmal nach heftigen Protesten aus den Schulen zwar nur drei statt sechs (deren Auswahl völlig beliebig ist), aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Kopfnoten eine antiquierte Erziehungsmethode sind. Zum Schuljahr 2007/2008 hat die schwarz-gelbe Landesregierung die Kopfnote in NRW nach 40 Jahren wieder eingeführt, um Schülerinnen und Schüler, die negativ auffallen, mit einer weiteren Note abzustrafen. So soll eine Differenzierung zwischen der Leistung in einem Fach und dem Sozialverhalten ermöglicht werden. Grundsätzlich ist das keine schlechte Idee, aber wie sieht es in der Praxis aus?
Noten sind ein höchst subjektives Gebilde: Die Klassenarbeiten stellen in der Regel die Lehrer und die mündlichen Noten liegen ebenfalls allein im Ermessen der Lehrkraft. Dabei ist es utopisch anzunehmen, dass jeder Schüler objektiv beurteilt wird, weshalb auch bei jeder Note immer das grundsätzliche Verhalten eine Rolle spielt. Kein Lehrer würde einem Schüler, der immer die Hausaufgaben macht und sachlich eine hervorragende Arbeit leistet, aber ein asoziales Verhalten an den Tag legt und den Unterricht stört, mit einer guten Note belohnen. Umgekehrt ist es unmöglich, die Leistungsbereitschaft eines Schülers zu ermessen, der eher schüchtern ist und sich wenig meldet. Heißt das automatisch, dass dieser Schüler faul ist und deshalb keine Leistung bringt? Und auch die Selbstständigkeit oder die Kooperationsfähigkeit ist kaum zu ermessen. Woher soll der Lehrer wissen, ob ein Schüler außerschulisch schwächeren Schülern hilft oder ob Lerngruppen gebildet werden?
Es bekommen damit nicht die Schülerinnen und Schüler eine faire Kopfnote, die sich vorbildlich verhalten, sondern nur diejenigen, bei denen der Lehrer dies auch erfährt oder erwartet. Mit anderen Worten: Der Streber der Klasse, der sowieso gute Noten erhält, der ein gutes Verhältnis zum Lehrer pflegt und diesem nach dem Mund redet, erhält auch die entsprechenden Kopfnoten. Unabhängig davon, ob der Schüler tatsächlich Mitschüler unterstützt, denn nur der extrem subjektive Eindruck im Unterricht führt zur Kopfnote. Schüler dagegen, die eine kritische Einstellung gegenüber einem Lehrer haben und diese Meinung auch frei äußern, müssen mit der Gefahr leben “abgestraft” zu werden. Dabei soll in den Schulen doch die Bildung und Äußerung der eigenen Meinung unterstützt werden.
Ein weiteres Problem, das unsere Schulministerin Barbara Sommer übersehen hat: Die Bildung der Kopfnoten kostet Zeit. Angenommen eine Schule hat 1000 Schüler, dann müssten in 8 1/2 Stunden über die Kopfnoten aller Schüler entschieden werden, wenn man davon ausgeht, dass jeder Schüler in lächerlichen 30 Sekunden bewertet wird. Bei 60 Lehrern wären das 500 zusätzliche Zeitstunden. Da angesichts des hohen Unterrichtsausfalls sowieso kaum noch Zeit dazu bleibt, ist es üblich, dass anders vorgegangen wird.
An meiner Schule sah es so aus, dass die Lehrer grundsätzlich jedem Schüler eine gute Note gaben. Jeder Lehrer konnte im Vorfeld den Schülern schlechtere oder bessere Kopfnoten geben, wobei die Noten der Lehrer des Leistungskurses doppelt zählten. Ein Schüler bekam aber erst dann eine bessere bzw. schlechtere Note, wenn auch eine Mehrheit dafür gegeben war. Mit anderen Worten: Ein Schüler, der in naturwissenschaftlichen Fächern wie Mathe oder Physik eine schlechte Leistung erbringt und somit Mitschüler schwerlich fachlich unterstützen kann, dagegeben aber in den geisteswissenschaftlichen Fächern wie Deutsch oder Politik eine gute Mitarbeit pflegt, Mitschüler unterstützt, außerschulische Projekte angeht und ein vorbildliches Verhalten zeigt, bekommt keine bessere Kopfnoten, da die Lehrer dieser Fächer ihm zwar ein positives Verhalten attestieren, sie aber nicht die 50% Quote erfüllen.
Ist das fair?

Kopfnoten sind ein antiquitiertes Relikt
Dazu kommt, dass jede Schule ein anderes Verfahren entwickelt hat und die Lehrer unterschiedlich motiviert sind, die Noten möglichst fair zu vergeben. Einige Lehrer machen sich gar keine Mühe und geben jedem eine gute Bewertung, andere haben viel strengere Kriterien und geben schnell auch eine schlechtere Bewertung. Und das, obwohl auf dem Abiturzeugnis seit letztem Jahr ebenfalls Kopfnoten zu finden sind! Angenommen, ein Schüler erhält die gleichen Noten im Abitur wie ein Schüler einer anderen Schule, die aber generell bessere Kopfnoten vergibt, ist die Tendenz, den Schüler mit den besseren Kopfnoten einzustellen, natürlich größer, obwohl womöglich Jahre seit der Beurteilung vergangen sind. Mit welcher Begründung stehen also Kopfnoten auf dem Abiturzeugnis?
Es hagelt Kritik nicht nur von der Schülerseite: Von Seiten der Lehrer werden Kopfnoten als “pädagogischer Unfug” (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) bezeichnet und selbst die katholische und die evangelische Kirche lehnen die Vergabe von Kopfnoten ab, da sie „nicht mit dem christlichen Menschenbild vereinbar“ sei.
Es ist also höchste Zeit, dass die Kopfnoten wieder dahin verschwinden, wo sie auch herkommen: In die Geschichtsbücher!
Links
Wenn du der Meinung bist, dass die Kopfnoten auf deinem Zeugnis unberechtigt ist, kannst du diese Datei herunterladen und entsprechend anpassen.
Autor: Sebastian Broch

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