Bildungsgerechtigkeit: Warum ein Streik nötig ist!
In den 1960er Jahren konnten nur 8% aller Schulabgänger den höchsten Schulabschluss vorweisen; das Abitur war einer kleinen Elite vorbehalten. Diese Elite bezog sich aber nie nur auf die Intelligenz, das entscheidende Kriterium war die soziale Herkunft. Ein Kind aus einem Akademikerhaushalt hatte gute Chancen selber später auch zu studieren, aber je niedriger der Bildungsabschluss der Eltern war, desto niedriger waren die Chancen, dass das Kind später studieren wird. Dank der Bildungsexpansion, die insbesondere durch die SPD in den 1960er und 1970er Jahren durchgesetzt wurde, konnte die Chancengleichheit erheblich gesteigert werden. Ein Studium zu beginnen war nun nicht mehr eine Seltenheit, insbesondere die Mittelschicht konnte profitieren.
Die Situation heute
Aber die Zahlen sprechen heute noch eine deutliche Sprache: Im Jahr 2000 beträgt der Anteil der Arbeiterkinder an Hochschulen nur 12 % , gegenüber dem Anteil von 73% von Kindern die aus einem Beamtenhaushalt stammen. Ein Hauptgrund für diese Ungleichheit ist im Schulbildungssystem zu finden. Früh werden die Kinder (oft entsprechend ihrer sozialen Herkunft) im dreigliedrigen Schulsystem aufgeteilt, damit auch kein Akademikerkind mit einem “Schmuddelkind” aus der Unterschicht lernen muss. Es werden also bereits früh Bildungshürden aufgebaut, dessen Abbau von heftigem Protest begleitet wird, wie es in Hamburg zur Zeit der Fall ist. Denn für Besserverdienende könnte die Lage nicht besser sein: In der Idealtypischen Familie vieler Konservativer geht der Vater arbeiten und die Mutter kümmert sich zuhause um das Kind. Dass hier die Vorrausetzungen für einen guten Bildungsabschluss hoch sind, dürfte klar sein. Es ist also nicht verwunderlich,wenn sich die CDU und die FDP erfolgreich gegen grundlegende Schul- und Bildungsrefromen wehrt, denn sie würde ihr Klientel nur verschrecken. Doch dieses Familienbild war vor 30 Jahren bereits überholt, trotzdem wurde seitdem wurde das Schulsystem nicht grundlegend reformiert.

Der Schulalltag
Neben dem Bildungs- und Schulsystem an sich, erschweren Kosten den Schulalltag, die sich im Laufe eines Schuljahres zu stolzen Summen aufsummieren. Angefangen beim alljährlichen Büchergeld, über 10 Euro Kostenbeitrag zu den notwendigen Kopien bis hin zur Klassenfahrt kommen einige hundert Euro leicht zusammen. Glücklicherweise gibt es an vielen Schulen Schulvereine, die sich um die Schülerinnen und Schüler kümmern, die diese Kosten nicht aus der Portokasse der Eltern zahlen können. Aber die Hemmschwelle sich dort zu melden ist bei vielen hoch. Der Scham, sich etwas selbstverständliches nicht leisten zu können, überwiegt. Dazu kommt die soziale Ausgrenzung, insbesondere von hedonistisch geprägten Jugendlichen, die sich durch ihre Kleidung oder ihren neusten MP3 Player definieren. Die Folge: Viele Jugendliche aus einem weniger wohlhabenden Haushalt sind weniger glücklich und leiden unter Minderwertigkeitsgefühlen. Deshalb sollte Bildung grundsätzlich kostenlos sein.
Das Studium
Doch wenn das Abitur erfolgreich absolviert wurde, wird es erst recht teuer: Die Studiengebühren schlagen im Semester mit 500 Euro zu buche, dazu kommen noch gut 200 Euro Semesterbeitrag (z.B. für das ÖPNV-Ticket). Zusätzlich kommen für viele Studierende die Kosten für eine Wohnung und die Lebenshaltungskosten, was dazu führt, dass es unumgänglich wird sich Arbeit zu suchen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Optimale Studienbedingungen sind damit kaum zu erreichen. Wirklich auf das Studium können sich nur diejenige konzentrieren, die von ihren Eltern dieses ein nicht geringes Taschengeld erhalten. Dank der sozialdemokratischen Errungenschaft des BAföGs ist es wenigstens möglich, dass bedürtige StudentInnen eine Unterstützung von Seiten des Staates erhalten, wobei ein Teil des zinslosen Darlehens abhängig von der Dauer des Studium erlassen werden kann. Dank der rot-grünen Bundesregierung wurden seit 1998 viele Kürzungen aus der Kohl-Ära rückgängig gemacht, sodass gut ein Viertel aller StudentInnen BAföG erhalten.
Abgesehen von der Finanzierung des Studiums, krankt die Hochschulbildung an weiteren Stellen: Die Bachelor-Master Reform ist an vielen Stellen gescheitert, selbst der Wissenschaftsrat verlangt eine Nachbesserung durch die Länder: Eine Moblität zwischen den Universitäten ist noch immer nur eingeschränkt möglich; was ein Hauptvorteil der Reform werden sollte, ist bisher kaum umgesetzt. Selbst zwischen den Bundesländern funktioniert ein Wechsel nur mit großen Schwierigkeiten, geschweige denn ein Wechsel in das Ausland. Dazu kommt, dass in einigen Studiengängen ein sechs-semestriger Bachelorabschluss nur mit hohem Aufwand schaffbar ist. Das Ergebnis: Frust, Stress und wenig Freizeit. Wenn dann ein Bachelorabschluss in der Tasche ist, folgt aber die nächste Hürde: Das Masterstudium. Bei einem schlechteren Abschluss ist erstmal Warten angesagt, denn bei der Vergabe der Masterplätze dienen wie zum Studienbeginn Noten als Kriterium um einen Masterplatz zu sichern.
Bildungsstreik!
Die Liste ließe sich noch um einige Punkte fortführen, aber eines sollte klar sein: Es gibt gute Gründe gegen dieses Schul- und Bildungssystem zu protestieren. Von einer Bildungsgerechtigkeit kann auch heute noch nicht die Rede sein. Vielen fähigen und intelligenten Kindern wird der Weg zu einem Studium verbaut, obwohl bereits heute ein Mangel an Akademikern herrscht. Insbesondere die Ingenieurstudiengänge können garnicht zu viele erfolgreiche Studienabgänger haben. Deshalb ist es auch aus wirtschaftlicher Sicht fatal, wenn sich die Gerechtigkeitslücke weiter vergrößert.
Der Bildungsstreik sollte also genutzt werden! Denn jeder Protest bewirkt etwas.
Termine
9. Juni 2010: Bildungsstreik in Solingen
Links
bildungsstreik.net – Der Blog zum Bildungssstreik
bildungsstreiksg.wordpress.com – Der Solinger Bildungsstreik
unsereuni.at – Der Bildungsstreik in Österreich
bestebildung.de – Die Bildungswebseite der NRW-SPD
Dieser Artikel erscheint auch auf rotstehtunsgut.de
Autor: Sebastian Broch
Bildquelle: gruenenrw/ flickr.com

[...] [siehe auch: jusossolingen] [...]