4. Januar 2010

Fünf Impulse zum Gender Mainstreaming

Erst ein Kommentar

Immer wieder ist Gender Mainstreaming ein Thema. Gleichstellungspolitik spielt überall dort eine Rolle wo Mann und Frau aufeinander treffen und sie hat auch ihre Berechtigung. Die verfassungsrechtliche Gleichberechtigung von Mann und Frau muss auch in der Gesellschaft verankert sein. Sie ist zu Recht ein Teil der sozialdemokratischen Grundüberzeugung. Aber bewusst provokativ gefragt: Schießen wir nicht immer öfter über das Ziel hinaus?

Fünf kurze Impulse zur Geschlechterpolitik in verschiedenen Bereichen:

1. Frauenquote in der Politik

Eine Partei sollte ein Interesse daran haben, dass sowohl Geschlechter als auch Berufs- und andere Gruppen angemessen, zumindest ihrem Bevölkerungsanteil entsprechend, vertreten sind. Gerade eine Volkspartei. Mit einem Frauenanteil von 31,2 Prozent sind weniger Frauen in der SPD als anteilsmäßig in der gesamten Bevölkerung (50,1 %) der Bundesrepublik. Aber ist bei 31,2 Prozent eine Quote von 40 Prozent zu halten und vor allem gerecht?

In vielen Gliederungen verkommt die Frauenquote zu einer anstrengenden Reglementierung. Und zwar immer dann, wenn nicht genügend Frauen zur Verfügung stehen. Sei es auf Grund mangelnder Qualifikation oder mangels Interesse der potenziellen Kandidatinnen. Es leuchtet nicht ein, warum den vielen Untergliederungen das Leben dennoch so schwer gemacht wird.

2. Quote in der freien Wirtschaft

Im letzten Wahlkampf hat auch die SPD eine Quote für Aufsichtsräte gefordert. Frauen sollen in Bereichen, in denen sie unterrepräsentiert sind, durch die Quote eine bessere Chance erhalten. Unter Gerechtigkeitsaspekten stellt sich nicht nur die Frage, wo dann in Berufen mit hohem Frauenanteil die Forderung nach einer Männerquote bleibt.

Gender Mainstreaming suggeriert die Förderung der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Tatsächlich stellt sie aber eine reine Frauenförderung dar. Das zuständige Ministerium ist ein Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Dies bedeutet, dass das Ministerium für Männer im Alter von 25 (nicht mehr Jugend, i.d.R. noch nicht Familie) bis 50 Jahren nicht zuständig ist, sofern sie ledig und kinderlos sind.

3. Lohnunterschiede

In die Diskussion wird immer wieder die Diskrepanz der Entlohnung zwischen den Geschlechtern eingebracht. So weist der DGB auf seiner Internetseite auf eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung hin, wonach der durchschnittliche Bruttoverdienst von Frauen „rund 23 Prozent unter dem der Männer“ liegt. Aber das Deutsche Institut für Wirtschaft (DIW) behauptet, dass es für 80 Prozent der Gehaltsunterschiede sachliche Gründe gibt: So werden nicht etwa gleiche Tätigkeiten verglichen, sondern ein fiktiver Durschnitt über alle Erwerbstätigen gebildet. Zudem unterscheiden sich sowohl die wöchentlichen Arbeitszeiten von Selbstständigen (49 zu 36 Stunden) als auch jene von Angestellten (39 zu 30 Stunden) zwischen den Geschlechtern teilweise gravierend. Laut Focus ist den Daten des Statistischen Bundesamtes sogar folgendes zu entnehmen: „Frauen, die Teilzeit arbeiten, verdienen übrigens oft mehr als Männer, die dasselbe tun, im Schnitt 22 Prozent.“

In einer Studie des Queen’s College in New York kommen die Soziologen zu dem Ergebnis, dass „Frauen unter 30 in urbanen Zentren […] bis zu 120 Prozent des vergleichbaren männlichen Einkommens“ (Focus 38/2009) erhalten. 2006 hat bereits die Financial Times Deutschland ein ähnliches Ergebnis des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) für die Bundesrepublik mit der Überschrift „Junge Chefinnen verdienen mehr als junge Chefs“ veröffentlicht.

4. Benachteiligung der Männer

Auf der gleichen Webseite präsentiert die Hans-Böckler-Stiftung eine Tabelle mit den Schulabschlüssen der Geschlechter aufgeteilt nach Schulformen. Die Aussage der Tabelle ist eindeutig. Der SPIEGEL schreibt dazu am 22.05.2007 unter dem Titel „Vorsicht, Frau!: Wie Studentinnen die Männer überholen“:

Anfang der sechziger Jahre gab es an Gymnasien noch zwei Fünftel Mädchen und drei Fünftel Jungs. Heute sind über die Hälfte der deutschen Abiturienten weiblich. Die Jungs liegen dafür bei den Schulabbrechern vorn, vor allem in Ostdeutschland.

Die Shell-Jugendstudie aus dem Jahre 2006 bilanziert gar: „Mädchen sind die neue Elite“. Die Mehrheit der Arbeitslosen ist männlich und die Tendenz steigt, da Frauen „in einer Gesellschaft, in der Dienstleistungen immer wichtiger werden, schlicht die besseren Jobs“ erhalten, zitiert der Focus am 14. September 2009 den Soziologen Hans Bertram. Es verwundert daher nicht, dass die neue Familienministerin auch gegen die Benachteiligung der Jungen kämpfen will. Und sie liegt damit richtig, wie die zitieren Studien zeigen. Im Kindergarten und in der Schule ist das Personal in der Mehrheit weiblich, so dass es insbesondere den Jungen in dieser Gesellschaft an Vorbildern mangelt.

5. Gendergerechte Sprache

In weiten Teilen der Gesellschaft scheint die gendergerechte Formulierung von Texten inzwischen angekommen und akzeptiert. Immer wieder trifft man auf die Nennung beider Formen. Auffallend an ganzen Texten ist aber auch eine Negierung der weiblichen Form bei negativ besetzten Personengruppen. Terroristinnen, Faschistinnen und Mörderinnen sind die Ausnahme. In der ein oder anderen sozialistischen Kampfschrift heißt es dann wohl trotz geschlechtergerechter Grundüberzeugung nur: der Unternehmer. Dieser ist ja auch böse.

Die “Stelle für Chancengleichheit der Universität Tübingen” empfiehlt in ihrer Broschüre [PDF] zu dem Thema verschiedene Methoden, welche sich „als Aktionsmittel zur Nichtdiskriminierung der Geschlechter und als ein konkretes politisches Engagement zur Gleichstellung im Sinne des Gender Mainstreaming“ verstehen. Unter anderem wird die Nennung beider Formen vorgeschlagen sowie die Verwendung des Binnen-I. Dass diese letzte Variante vor allem sprachlich falsch und beide Varianten nicht fördernd für Lesefluss und -konzentration sind, spielt im Kampf für die vermeintliche Gleichberechtigung keine Rolle. Auch wird das Binnen-I in der Regel nur als weibliche Form wahrgenommen. Umgekehrte Diskriminierung durch Feminisierung? Egal. Es scheint so richtig und wird angewandt.

Vielleicht sollte man aber schon froh sein, dass zumindest niemand ernsthaft fordert, dass unsere Gesetze gegendert werden. Diese sind in weiten Teilen schon kompliziert genug. Man stelle sich mal vor, dass die schwarz-gelbe Regierung bei ihrer angekündigten großen Steuerreform zum Beispiel den
§ 18 I Nr. 1 S. 2 EStG gendert:

Zu der freiberuflichen Tätigkeit gehören die selbständig ausgeübte wissenschaftliche, künstlerische, schriftstellerische, unterrichtende oder erzieherische Tätigkeit, die selbständige Berufstätigkeit der Ärztinnen und Ärzte, Zahnärztinnen und Zahnärzte, Tierärztinnen und Tierärzte, Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, Nortarinnen und Notare, Patentanwältinnen und Patentanwälte, Vermessungsingenieurinnen und Vermessungsingenieure, Ingenieurinnen und Ingenieure, Architektinnen und Architekten, Handelschemikerinnen und Handelschemiker, Wirtschaftsprüferinnen und Wirtschaftsprüfer, Steuerberaterinnen und Steuerberater, …


Dieser Artikel erschien zuerst auf RotStehtUnsGut.de
Autor: Nadim Ayyad
Bildquelle: sejanc / flickr.com





Ein Kommentar »

  • Isabel Henriques meint:

    Anlässlich des diesjährigen Girls’ Days möchte ich mich als Mutter an die Öffentlichkeit wenden, um andere Eltern auf die wahren Hintergründe dieser Initiative aufmerksam zu machen. Wie jeder weiß, sollen Mädchen mit Hilfe des Girls’ Days dazu gebracht werden, typische Männerberufe zu lernen und sich nicht mehr auf klassische Frauenberufe wie Friseurin, Altenpflegerin oder Arzthelferin zu beschränken. Auf den ersten Blick erscheint diese Aktion durchaus eine gute Sache zu sein. Warum sollten Mädchen keine Männerberufe ausüben können, wenn es ihre Begabung und körperliche Belastbarkeit zulassen?
    Anders sieht es jedoch aus, wenn man den Girls’ Day im Zusammenhang mit Gender Mainstreaming (GM) betrachtet, einen Begriff, den kaum jemand kennt, obwohl er seit 1999 von der Regierung als »Leitprinzip« und »Querschnittsaufgabe« der Politik gilt und mit reichlich Steuergeldern gefördert wird. Der Begriff GM stammt aus dem Englischen und setzt sich aus den Begriffen Gender und Mainstreaming zusammen. In der englischen Sprache wird zwischen dem biologischen Geschlecht Sex, mit dem alle körperlichen Merkmale gemeint sind, und einem sozialen Geschlecht Gender, unterschieden. Gender bezeichnet sozial und kulturell geprägte Geschlechterrollen von Mann und Frau in unserer Gesellschaft. Nach dieser Vorstellung sind diese, anders als das biologische Geschlecht, erlernt und damit auch veränderbar. Mainstreaming kann mit »zum Hauptstrom machen« oder »in den Hauptstrom bringen« übersetzt werden.
    Auf der Homepage des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend kann man als Selbstverständlichkeit folgendes zu GM lesen: »Niemand ist nur männlich oder nur weiblich, aber wir leben in einer Welt, die maßgeblich durch die Zuweisung von Geschlechterrollen geprägt ist. Frauen und Männer werden ständig daran gemessen, wie weiblich oder wie männlich sie sich verhalten; und Menschen werden auch immer wieder mit impliziten geschlechtsspezifischen Erwartungen konfrontiert. Daher ist es wichtig, Geschlechterdifferenzen wahrzunehmen, sie aber nicht – wie es auch das Bundesverfassungsgericht sagt – als tradierte Rollenzuweisungen zu verfestigen. Mit Gender sind also immer auch Vorstellungen von Geschlecht gemeint, die sich ändern lassen. «
    Wie man erkennen kann, werden wir hier mit ganz neuen Gedanken über Geschlechter und Geschlechterrollen konfrontiert. Wenn man ein wenig im Internet recherchiert, erfährt man, dass Kinder bereits an vielen Schulen und sogar in Kindergärten lernen, dass es weder ein festes männliches, noch ein festes weibliches Geschlecht gibt, sondern dass noch viele andere Möglichkeiten wie Bi-, Homo- oder Transsexualität gibt, die ganz normal sind. Ebenso sei es ganz normal, wenn sich die jeweiligen Neigungen im Laufe der Zeit ändern würden. Die Geschlechter seien, abgesehen von den biologischen Unterschieden, absolut gleich, die verschiedenen Rollen und Vorlieben bloß anerzogen. Mädchen werden mit typischen männlichen Berufen und Verhaltensmustern konfrontiert und an sie gewöhnt, bei Jungen werden diese unterdrückt und durch typische weibliche Muster, wie Stricken oder mit Puppen spielen, ersetzt. Artikel wie »Der neue Mensch« auf Spiegel Online oder »Gender Mainstreaming – Politische Geschlechtsumwandlung« auf FAZ.net können einen dabei schnell ängstigen. Offensichtlich wird eine neue Ideologie von der Politik vorangetrieben, ohne dass die breite Masse der Bevölkerung darüber in Kenntnis gesetzt und mit einbezogen wurde. Aus diesem Grund möchte ich diese Gelegenheit nutzen, an alle Eltern zu appellieren, sich über dieses Thema zu informieren und sich damit auseinanderzusetzen.
    Ich halte es für sehr wichtig, dass Eltern in Schulen und Kindergärten nachfragen, in welchem Maß Gender Mainstreaming dort umgesetzt wird und welche Ziele mit unseren Kindern verfolgt werden. Ich selbst habe dies bereits getan, mir wurde jedoch gesagt, dass die Schule es nicht für nötig hält, mit mir darüber zu diskutieren. Auf meine klare Frage hin, ob der Girls’ Day mit Gender Mainstreaming in Zusammenhang steht, wurde ich mit einem »Nein« abgefertigt, obwohl das Koordinationszentrum des Girls’ Days in Bielefeld mir dies bestätigt hat. Als Konsequenz daraus habe ich entschieden, meine eigene Tochter an diesem Projekt nicht teilnehmen zu lassen. Ich lasse mich nicht entmutigen und werde mich weiterhin mit diesem Thema beschäftigen und meinem Standpunkt verteidigen.
    Isabel Henriques, Laubach-Hessen

Misch dich mit einem Kommentar in die Diskussion ein!

Schreibe einen Kommentar oder schicke einen Trackback von deiner Seite. Du kannst auch die Kommentare per RSS verfolgen.

Be nice. Keep it clean. Stay on topic. No spam.




Du kannst diese Codeschnipsel
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong> - und dann noch die üblichen Wordpress-Schnipsel zur Formatierung deines Kommentars verwenden.

Wenn du dich bei Gravatar registriert hast, wird neben deinem Kommentar ein kleines Bild von dir erscheinen.


Footer Jusos Solingen bei StudiVZ Jusos Solingen bei Flickr Jusos Solingegn mit ihren Videos auf dem Channel der SPD Solingen Die Jusos Solingen bei Twitter Jusos Solingen auf Facebook